Sie haben die Wahl

Menschen wollen unterhalten werden

"Willkommen bei der Reality Show." So beginnt der ungewöhnliche Thriller, der am Heiligenabend beginnt. Die mächtigsten Menschen Deutschlands werden in ihren Häusern zu Geiseln und dies wird live auf sämtlichen Kanälen übetragen. Ziel der Sendung: Sie soll den Menschen die Stimme zurückgeben. Diese haben zwar die Regierung gewählt, aber dennoch sind es die Kandidaten der Show, die wirklich Einfluss nehmen. Sie sind die Strippenzieher, deren Gesichter nicht in den Medien auftauchen und die dennoch Einfluss auf das Leben aller haben. Jetzt haben die Zuschauer die Wahl, wer für seine Verbrechen an der Bevölkerung mit einem blauen Auge davonkommt oder wer bluten muss.

"Reality Show" ist ein intelligentes Buch voller Brisanz und auf der Höhe des Zeitgeists. Autorin Anne Freytag reisst einen mit und lässt uns über gesellschaftskritische Themen nachdenken. Dieser Thriller hallt lange nach, man ist unglaublich nahe an der Realität und das lässt einen auch erschrecken. 

Erzähl wird aus verschiedenen Perspektiven, was es umso spannender und intensiver macht. Und man ist hin- und hergerissen. Würde man sich diese Show ansehen? Bei der Abstimmung mitmachen? Was ist gerecht und wo hört die Gerechtigkeit auf? 

Fernseh aus und das Buch lesen!

Anne Freytag: Reality Show   dtv Verlag

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Ein ergreifendes Familienepos

Was uns allen vertraut ist: Familie

Es ist der Sommer 1981, der für die Geschwister Renee, Caroline, Joe und Fiona einschneidend wird: Ihr Vater stirbt völlig unerwartet. Danach folgen die Jahre, die als "die Pause" in die Familiengeschichte eingehen. Die Mutter verliert sich in ihrer Trauer, ist nicht in der Lage für die Kinder zu sorgen. Die Geschwister umsorgen sich gegenseitig, strömen tagelang durch die Wälder, Fiona, die Jüngste, lernt durch ihren geliebten Bruder Joe das Schwimmen, das Band zwischen den Vieren ist sehr stark. Verletzungen, die sie von dem tragischen Ereignis davongetragen haben, offenbaren sich erst Jahre später, als eine weitere Tragödie die Familie trifft.

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Fiona, die 2072 mit ihren 102 Jahren als gefeierte Dichterin nach 25 Jahren wieder an die Öffentlichkeit tritt. Bei ihrem Auftritt taucht eine junge Frau namens Luna auf, die wissen möchte, wer die Luna aus einem grossen Gedicht war und hier beginnt die eigentliche Geschichte der vier Geschwister, die hundert Jahre Familie umfasst. 

Das grosse Thema im Roman von Tara Conklin ist die Liebe und was passiert, wenn sie abhanden kommt. Es geht um Verantwortung, die Liebenden auferlegt wird und von deren Bereitschaft, diese anzunehmen. Doch sie kann auch zerfallen, wie die Geschwister leidvoll erfahren müssen, als Drogen, Süchte, Alkohol und Sex ihre Welt verändern. Was aber bleibt, ist das starke Band zwischen ihnen.

Es passiert viel zwischen den zwei Buchdeckeln und man will unbedingt wissen, wie es all den Familienmitgliedern und deren Anhang geht, wie sie durchs Leben kommen, sei es zusammen oder einzeln. Emotional, tiefgründig, spannend, liebevoll, traurig, melancholisch - alles, was eine gute Geschichte braucht.

Tara Conklin: Die letzten Romantiker   HarperCollins Verlag

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Ein perfides Spiel

Ein schwesterliches Duell

Es ist der Tag vor Heiligabend, Esther hätte eigentlich noch vieles zu erledigen und vorzubereiten, aber nun will sie doch schnell zu ihrer labilen Schwester Sue fahren, um ihr ein Geschenk und eine Flasche Wein zu bringen. Seit der Trennung von ihrem Mann lebt sie ganz alleine in einem riesigen Haus tief im Wald. Allein der Gedanke, dass diese an Weihnachten allein ist, macht Esther Sorgen, zudem will sie sich überzeugen, ob wirklich alles in Ordnung ist und sie ihre Tabletten zu sich nimmt. Zu sich einladen will sie Sue lieber nicht. Zu schlecht sind die Erinnerungen an das vordere Weihnachtsfest. Was ist, wenn sie wieder durchdreht?

Nach einer längeren Fahrt trifft Esther ein, die Schwester ist da, aber nicht sehr erfreut über den Besuch. Wieso will Sue sie so schell wie möglich loswerden? Draussen setzt ein Schneesturm ein, drinnen wird ein Orkan ausgelöst. Zum ersten Mal seit ihrer Kindheit kommen die beiden Frauen ins Gespräch, kein Stein bleibt auf dem anderen. Eine greift zum Messer... Draussen bedeckt der Schnee alles, jedes Geräusch erstickt.

Judith Merchant lässt in ihrem Psychothriller zwei unzuverlässige Erzählerinnen gegeneinander antreten. Es beginnt ein unheimlich intensives Kammerspiel um eine toxische Beziehung, in der nichts so ist, wie es scheint. Die beiden Frauen schenken sich nichts. Abwechselnd erzählen sie aus ihrer Sicht. Nebst den beiden Schwestern kommt auch Martin, Esthers Ehemann, zu Wort, dessen Rolle etwas nebulös ist. Die Atmosphäre ist geladen und beklemmend und die kurzen Kapitel sorgen dafür, dass man einfach nicht aufhören kann, auch wenn es längst nach Mitternacht ist.

Judith Merchant: Schweig!  Kiepenheuer & Witsch

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Elf meisterhafte Erzählungen

Kleine Wunder, die den Blick auf das Leben reicher machen

Franz Hohler ist ein begnadeter Erzähler. Nirgends kommt das Fantatische so beiläufig daher wie bei ihm. In seinem neuen Buch "Der Enkeltrick" schildert er merkwürdige Begebenheiten und plötzliche Einbrüche ins Wunderbare. Zum Beispiel die titelgebende Geschichte über die betagte Amalie Ott, die dank dem Enkeltrick auf eine weite Reise geht. Oder die Geschichte von einem jähen Moment der Wahrheit im Telefonat zwischen Mutter und Tochter. Welches Geheimnis steckt hinter dem Tisch im Ausflugslokal, der immer reserviert ist, an dem aber nie jemand sitzt?

Pointiert und abgründig zeigt uns Hohler die unscheinbaren Risse im alltäglichen Gefüge. Jede seiner Geschichten ist ein kleines Wunder, das den Blick auf das Leben reicher macht.  

Franz Hohler: Der Enkeltrick   Luchterhand Verlag

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Über das Chaos in einer Familie

Familie oh Familie

Es ist ein ganz normaler Tag in einer Kleinstadt, als sich mit einem Schlag alles ändert. Astrid wird Zeugin, wie eine Bekannte vom Schulbus überfahren wird. Und obwohl Astrid diese nicht besonders mochte, setzt der Vorfall etwas in Gang. Schnell kann das Leben vorbei sein und hat sie es wirklich gut genutzt? Soll sie noch Neues wagen? War sie wirlich eine gute Mutter? Irgendwie scheint keines ihrer Kinder so richtig im Leben angekommen zu sein. Tochter Porter ist Single, gewollt schwanger und überfordert. Der älteste Sohn Elliot ist unglücklich in seiner Bilderbuchfamilie und Nicky lebt ein Vagabundenleben - aber zu welchem Preis?

Alle vier sind geübt im Verbergen. Doch dann zieht Cecelia, Nickys Tochter, bei Astrid ein und stellt alles auf den Kopf, die sorgsam gehegten Strukturen beginnen sich aufzulösen.

Der Roman von Emma Straub liest sich äusserst kurzweilig. Sämtliche Protagonisten und Protagonistinnen haben mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen, die sie bisher mit sich selber ausgemacht haben. Als Astrid sich ihren Kindern offenbart (womit wird hier nicht verraten), beginnt eine neue Offenheit, aber ein paar Probleme gibt es trotzdem zu bewältigen. 

Nach und nach führt uns die Autorin mit viel Gefühl für Menschlichkeit, familiäre Verpflichtungen und auch Liebe in die Familiendynamik ein und lässt einen für ein paar Stunden in ein anderes Familienleben eintauchen - das macht richtig Spass.

Emma Straub: Die Launen des Lebens   Limes Verlag 

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