Am Schluss stehen wir vor uns selbst

Mitten hinein

Paula Bloom, Tochter eines amerikanischen Geschäftsmannes, wächst wohlbehütet in Berlin auf. Durch die gesellschaftliche Stellung ihres Vaters trifft sie auf Grössen aus Kultur und Politik. Doch dann übernehmen die Nationalsozialisten das Land und sie muss fliehen. In Amerika erhält sie eine militärische Ausbildung und nach dem Krieg kehrt sie als Offizierin der amerikanischen Besatzungstruppen zurück. Sie trifft auf ein zerstörtes und gebrochenes Deutschland. Und sie begegnet Menschen wie dem NS-Täter Reinhard Gehlen, der eine blutige Todesspur hinter sich herzieht, dem es aber mit Hilfe der Amerikaner gelingt, zum Gründer des Bundesnachrichtendienstes zu werden und etliche seiner Gesinnungsgenossen darin unterzubringen. 

Diese Widersprüche sind für Paula, das Ritchie Girl, nur schwer zu ertragen. Hier trifft sie auf Johann Kupfer, einen österreichischen Juden, der behauptet, der grösste Spion des Zweiten Weltkrieges gewesen zu sein. Sie wird beauftragt herauszufinden, ob er die Wahrheit spricht. Doch wer die Wahrheit sucht, muss sie auch ertragen.

Andreas Pflüger gelingt es bravourös Zeitgeschichte fesselnd aufzubereiten. Paula ist eine fiktive Person, aber anhand von ihr packt der Autor Unmengen an historischen Fakten in den Roman. Unzählige ehemalige Nazigrössen waren nach Kriegsende schnell wieder in Amt und Würde, das zeigt Pflüger sehr deutlich und er weiss, wovon er schreibt.

Andreas Pflüger: Ritchie Girl   Suhrkamp Verlag

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Eine Ost-West-Liebesgeschichte

Masslose Toleranz

Es ist der Sommer 1964 in der DDR, als sich die Studentin Birgit in Kaspar, den Studenten aus dem Westen, verliebt. Er verhilft ihr zur Flucht, die beiden werden ein Paar. 

Jahre später, kurz nach ihrem Tod, entdeckt der mittlerweile siebzigjährige Kaspar ein gut gehütetes Geheimnis: Seine Frau hat damals eine Tochter in der DDR zurückgelassen. Der Preis, den sie dafür bezahlte, war hoch. 
Kaspar beschliesst die Tochter zu suchen. Es ist eine Reise in die Vergangenheit und führt zu einer Begegnung mit den Wunden und Narben, die die DDR, die Wende und die Anpassung des Ostens an den Westen hinterlassen hat. Die Suche führt in zu einer völkischen Gemeinschaft auf dem Land. Er findet die Tochter, die mittlerweile Mutter eines jungen Mädchens namens Sigrun ist. In diesem sieht er seine Enkelin und sie findet in ihm den Grossvater. Doch ihre Welten sind sich fremd, die Grundhaltungen könnten nicht unterschiedlicher sein und Kaspar beginnt um sie zu ringen. Kann er sie erreichen?

Bernhard Schlink erzählt die Geschichte aus der Rückschau. In seinem neuen Buch zeigt er die Zerrissenheit der Menschen, die sich weder im Osten noch im Westen Deutschlands heimisch fühlen. Der Autor weiss wovon er schreibt. 1964 verhalf er mit gefälschten Papieren einer jungen Frau, in die er sich bei einem Jugendtreff in Oster-Berlin verliebt hatte, zur Flucht.

Mit Kaspar hat er eine Figur geschaffen, die viel geben, aber nie ganz hinschauen will, denn sie könnte alles verlieren. 

Bernhard Schlink: Die Enkelin  Diogenes Verlag

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Ein grossartiger Schauerroman

Mit Mordlust im Herzen

1913 in Suffolk: Am Rande eines düsteren Moores steht das Herrenhaus Wake's End. Hier wächst Maud ohne ihre Mutter auf, die im Kindbett verstorben ist. Eine kleine Schar von Angestellten kümmert sich um die Familie, Liebe gibt es hier kaum. Es ist kein einfaches Leben für das Mädchen. Sie leidet unter dem herrischen und lieblosen Vater, der als Historiker nur mit seiner Arbeit beschäftigt ist. Zwar spricht er ihr als Mädchen jede Intelligenz ab, nutzt diese aber trotzdem für seine Arbeit, auch wenn er sich ansonsten von ihr abgestossen fühlt.

Eines Tages findet Maud ihren Vater neben einer übel zugerichteten Leiche. Er leugnet den Mord vor ihr nicht - und sie schweigt, verrät ihn nicht, denn auch sie hat einige Geheimnisse, die es zu wahren gilt. Sie kennt sein geheimes Tagebuch und weiss viel mehr als er ahnt.

"Teufelsnacht" ist eine meisterhaft erzählte Geschichte von möderischer Besessenheit und tödlicher Einsamkeit. Eine äusserst düstere, stimmungsvolle und unterhaltsame Schauergeschichte, die es mit den klassischen Geistergeschichten aufnehmen kann. Ein Buch, das noch lange nachhallt.

Michelle Paver: Teufelsnacht   Piper Verlag

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Elf meisterhafte Erzählungen

Kleine Wunder, die den Blick auf das Leben reicher machen

Franz Hohler ist ein begnadeter Erzähler. Nirgends kommt das Fantatische so beiläufig daher wie bei ihm. In seinem neuen Buch "Der Enkeltrick" schildert er merkwürdige Begebenheiten und plötzliche Einbrüche ins Wunderbare. Zum Beispiel die titelgebende Geschichte über die betagte Amalie Ott, die dank dem Enkeltrick auf eine weite Reise geht. Oder die Geschichte von einem jähen Moment der Wahrheit im Telefonat zwischen Mutter und Tochter. Welches Geheimnis steckt hinter dem Tisch im Ausflugslokal, der immer reserviert ist, an dem aber nie jemand sitzt?

Pointiert und abgründig zeigt uns Hohler die unscheinbaren Risse im alltäglichen Gefüge. Jede seiner Geschichten ist ein kleines Wunder, das den Blick auf das Leben reicher macht.  

Franz Hohler: Der Enkeltrick   Luchterhand Verlag

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Voller Inbrunst

Ein sprachgewaltiges Debüt

Fatima ist die Jüngste, die Nachzüglerin, auf die niemand in der Familie gewartet hat. Sie ist die einzige Tochter, die in Frankreich und nicht in Algerien zur Welt kommt. Die Familie wohnt in der berüchtigten Banlieue Clichy. 

Sie ist eine unangepasste Schülerin, laut und hängt am liebsten mit den Jungs herum. Sexualität und Liebe sind ein Tabuthema in der Familie. Und obwohl sie gläubige und praktizierende Muslimin ist, passt sie nicht recht in die Familie. Sie ist eine zornige Jugendliche, voller Fragen, Zweifel und Wut, fühlt sich im Herkunftsland fremd und in ihrem Körper. 

Als sie Nina kennenlernt und sich in sie verliebt, wird es schwierig für sie. Als gläubige Muslimin ist es ihr untersagt, homosexuell zu sein. Ihre innneren Konflikte sind gewaltig. Warum darf sie als Muslimin keine Frau lieben? Hat Gott sie nicht so gewollt? Trägt sie die Schuld für ihre Gefühle?

Als Erwachsene blickt sie zurück, sie sucht nach Versöhnung mit ihrer Familie, dem Glauben und vor allem mit sich selbst.

Fatima Daas verfügt über eine kühne, rhythmische Sprache, schlicht, intensiv und prägnant. Direkt und ehrlich erzählt sie ihre Geschichte, nimmt uns mit in eine fremde Welt und lässt uns ihre Traurigkeit spüren. Eine starke und unverwechselbare Stimme und ein beeindruckendes Debüt.

Fatima Daas: Die jüngste Tochter   Claassen Verlag

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